Mittwoch, 16. Januar 2013

Neue Chance für die Sozialdemokratie in Madagaskar

Auf der Abteilungsversammlung am 14. Januar 2013 hat Jean-Elson Zafisambandoky über Geschichte und aktuelle Lage der Sozialdemokratie in seinem Heimatland Madagaskar berichtet. Der Vortrag „Madagaskar für eine sozialdemokratische Welt“ lieferte aus erster Hand eine Menge interessanter Informationen über die vor der Ostküste Mozambiques gelegene Insel im Indischen Ozean.

Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Ethnien zusammen (Westafrika, Indonesien, Europa) und spricht als Landessprachen das kreolische Malagasy (Madegassisch) und Französisch. Deutschland ist bei den rund 22 Millionen InselbewohnerInnen besser angesehen als die alte Kolonialmacht Frankreich.   

„Man kämpft ums Überleben – und nicht ums Leben“


Trotz des vielfältigen und fruchtbaren Klimas gibt es Hunger und Armut, und die gesundheitliche Versorgung ist mangelhaft. Die hohe Zahl Analphabeten erschweren zusätzlich die Bedingungen für politisches Engagement, denn  Veränderungen und Strukturwandel brauchen nicht nur Zeit, sondern auch motivierte, ausgebildete MitstreiterInnen. Die mangelhafte Infrastruktur hemmt die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung.Entsprechend niedrig ist die durchschnittliche Lebenserwartung (59 Jahre) der Bevölkerung, die in der großen Mehrheit dem christlichen Glauben angehört.  „Man kämpft ums Überleben – und nicht ums Leben“, erklärt Jean-Elson.

1960 hat sich Madagaskar von der französischen  Kolonialmacht unabhängig gemacht, aber bis heute nicht über auf eine tatsächlich demokratische Staatsordnung einigen können. Seitdem beherrschen Machtkämpfe und wirtschaftliche Dominanzbestrebungen der verschiedenen Clans den Inselstaat. 2009 kam es zum Militärputsch. Nun besteht eine „Übergangsregierung“  ohne demokratische Legitimation unter Präsident Andry Rajoelina, der in Folge internationalen Drucks bei den für Mai 2013 geplanten Wahlen nicht antritt. Eine neue Verfassung und ein demokatisch gewähltes Parlament könnte sozialdemokratische Politik ermöglichen.

Neue sozialdemokratische Partei in Gründung


Die Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt – als einzige deutsche politische Stiftung vor Ort – den PRozess der Demokratisierung. Zwar gibt es  mit der seit den 60er Jahre bestehenden Parti Socialdemocrate (PSD) eine sozialdemokratische Organisation , aber offenbar spielt sie zurzeit neben 108 (!) weiteren für die Wahlen zugelassenen Parteien keine Rolle (und hat sich wohl auch  in der Vergangenheit unter Präsident Philibert Tsiranana nicht unbedingt mit demokratischem Ruhm bekleckert).

Der Referent ean-Elson Zafisambandoky, der seit 1987 in Deutschland lebt, arbeitet deshalb gemeinsam mit anderen von Europa aus an Vorschlägen für eine neue Verfassung des Staates – und an der Gründung einer modernen sozialdemokratischen Partei. Ziel ist der Einzug ins neue Parlament – und eine starke sozialdemokratische Bewegung im Land, die strukturellen Fortschritt bewirkt. Die Abteilung 75 unterstützt ihn bei seinem Vorhaben und wir die Entwicklung der Sozialdemokratie in Madagaskar weiter beobachten